Kommunikationskünstler


KleinMadame (4J) auf dem Spielplatz in Interaktion zu sehen ist ein Lehrstück über taktische Kommunikation und Vertrauensaufbau:

Spielplatz ist noch leer. KleinMadame turnt vor sich hin. Junge in ihrem Alter kommt mit Mutter hinzu. Sie hat ihn sofort im Blick, setzt sich in den Sand und spielt ganz unverfänglich mit den Händen drin herum. Hält den Blickkontakt. Junge schaukelt bäuchlings. Sie geht zur anderen Schaukel, nimmt darauf exakt die gleiche Haltung wie er an und fängt während dem synchronen Schaukeln an zu plappern. Ich bin, das ist, ich gehe, ich mache… Dann wechselt der Junge das Spielgerät. Sie folgt und spiegelt ihn noch eine Weile in seinen Bewegungen. Dann kommt ihr „Wollen wir zusammen spielen?“. Er nickt und langsam, ganz langsam übernimmt sie die Führung des Spiels. Sie wird lauter, quirliger, reißt ihn mit. Soweit, dass die Mutter mehrmals mit einem „Geht da runter, Anton!“ und „Klettere bitte nicht da hoch!“ zu unterbrechen meinen muss. Die ganze Zeit plappert und kommentiert sie das imaginäre Spielgeschehen. KleinMadame, nicht die Mutter. Und ich sitze auf der Bank, ärgere mich, dass ich kein Videogerät dabei habe und bewundere sie. KleinMadame, nicht die Mutter. 😊

Kinder sind Kommunikationskünstler!

Positionierung,


 der ich voll und ganz zustimmen kann.

„Ich glaube dagegen vor allem an die Wirkung von Prävention in Form von Kinderschutz. Und ich glaube an die Eigenverantwortung der Menschen für ihre Taten. Ein als Kind gefolterter Mensch darf in seiner Fantasie alles Mögliche wünschen, Folter und Tod, Massenmord, was weiß ich alles. Es ist nur zu verständlich, wenn Menschen, die schwere Gewalt als Kind erlitten haben, Rache- und Hassfantasien entwickeln. Jeder Mensch kann aber in der heutigen Zeit um Hilfe bitten, wenn er seine Fantasien los werden will oder wenn diese gar drohen, in die Realität umgesetzt zu werden. Wer Verbrechen real begeht, gehört dafür juristisch zur Verantwortung gezogen, egal wie seine Kindheit aussah.“

von Sven Fuchs






Emotionale Gewalt


Kindliche Wut ist eine gesunde Reaktion auf ungesunde Verhältnisse.
Wird sie unterdrückt, verdrängt, gestapelt, so sucht sie sich,
auch in späteren Jahren noch, seltsam verquerte Ausdrucksformen.


Emotionaler Missbrauch durch die Eltern oder sonstige Bezugspersonen gräbt sich tief in die Seele ein und lässt sich in späteren Jahren nur schwer auseinanderdividieren. Manche Menschen tragen diese Bürde ihr ganzes Leben lang mit sich herum und geben die zugrunde liegenden Muster in vielen Fällen an ihre eigenen Kinder weiter.

Emotionaler Missbrauch hat oft ein fürsorgliches, liebevolles äußeres Gesicht. Versteckt sich hinter einem „Ich tue alles für dich.“ und „Ich will doch nur dein Bestes!“ und, eines der stärksten Geschütze, „Was habe ich nicht alles für dich getan!“ Und doch steckt dahinter immer auch die unausgesprochene Botschaft: „Sei dankbar!“, „Sei brav!“ und „Sei so, wie ich es will und brauche!“. Ansonsten droht Liebesentzug oder gar Bestrafung.

Die natürliche Reaktion auf emotionalen Missbrauch wäre die Wut. Doch die ist verboten: Durch die Eltern, das soziale Umfeld, durch sich selbst. Es bleiben die Angst und das Schuldgefühl und diese weben ein festes Netz um jedes mögliche „Nein“, um jeden Gedanken an Unabhängigkeit, um jeden Schritt in das eigene, selbstbestimmte Leben.

Emotionaler Missbrauch – eines der Themen, mit dem sich unsere Gesellschaft sehr schwer tut. Der Gral der „heiligen Familie“ als Hort von Fürsorge und Geborgenheit zerbröselt auf der einen Seite und bildet auf der anderen Seite immer noch den undurchdringlichen Schutzwall und Deckmantel für emotionale Gewalt gegen Kinder.

Emotionaler Missbrauch - emotionale Gewalt – psychische Gewalt – seelische Gewalt findet in der Regel in geschlossenen Systemen statt, in der Familie, in Heimen, Internaten, Sportgruppen und ähnlichen Institutionen. Er ist, anders als die körperliche Gewalt, schwer nachweisbar und die Dunkelziffer ist hoch.

Zu den Formen der emotionalen Gewalt gehören unter anderem: Liebesentzug, Abwertung, Demütigung, Drohung, Verunsicherung, Isolierung, Manipulation, Diskrepanz zwischen Inhalts- und Bedeutungsebene von Aus/Ansagen, Terror.

Die Folgen (Traumatisierung) sind unter anderem: permanente Verunsicherung, Angst, mangelndes Selbstbewusstsein, niedriger Selbstwert, unangemessene Angepasstheit, verschobene Selbst- und Fremdwahrnehmung, vorauseilender Gehorsam, Panikattacken, Misstrauen, Verlustängste, Bindungsunfähigkeiten, Autoritätsgläubigkeit, Spaltung der Persönlichkeit, kein (Selbst) Vertrauen, Dissoziative Identitätsstörung, sich selbst oder andere verletzendes Verhalten.

Emotionaler Missbrauch versteckt sich gerne hinter den Glaubenssätzen einer starren Pädagogik und überlieferten und unreflektierten Erziehungsidealen, die das Wohl des jeweils einzelnen, einzigartigen Kindes als zentralen Fokus nicht oder nicht mehr auf dem Bildschirm haben.

Was tun? Sensibilisierung und Reflexion sind angesagt, auch und gerade bei sich selbst und im eigenen Umfeld. Und den Mund auf machen. Laut und deutlich benennen. Den seelisch Missbrauchten eine Stimme und eine Hand geben. Denn es gibt ein Schweigen, das lügt, verletzt und tötet.



Missverständnis


Manche Erwachsene verstehen da etwas miss, darum kann es gar nicht oft genug wiederholt werden: Für die Erfüllung deiner Träume bist nur du zuständig. Weder der Partner, noch die Partnerin und schon gar nicht dein Kind oder deine Kinder. Immer wieder erlebe ich es, dass Kinder die unerfüllten Träume ihrer Erwachsenen erlösen sollen. Diese Aufgabe ist unerfüllbar und macht alle Beteiligten krank: Das Kind, weil es damit völlig überfordert und den Erwachsenen, weil der Geschmack der angestrebten Traumerfüllung ein bitterer ist. Lasst es einfach sein, es bringt nichts außer Leid und Enttäuschungen auf allen Seiten. Habt euch bedingungslos lieb, das ist schon Aufgabe genug.



Allerlei und Aufräumerei


Aus einem Chat mit einer besorgten Mutter.

Mutter: Was würdest du tun, wenn deine Kinder wiederholt die Wand ruinieren? Eine Woche komplettes Medienverbot beim letzten Mal war anscheinend nicht lehrreich genug.

Meine Antwort: Druck erzeugt Gegendruck. Was haben die Medien mit der bekritzelten Wand zu tun? Oder das Spielzeug? Habe ich als Kind nicht verstanden und als Erwachsene auch nicht. Wand bemalen macht Spaß. Noch mehr Spaß vielleicht, wenn ich so tolle irre Reaktionen von meinen Erwachsenen damit hervorrufen kann.

Was tun? Gib die Wände im Kinderzimmer frei, ist ja ihr/sein/ihr Zimmer. Und setze die/deine Grenze in den Räumen, die du/ihr gemeinsam benutzt. Verstehen die Kinder in der Regel sehr gut: Du gehst ja auch nicht hin und malst lustig in ihrem Zimmer drauf los (Hoffe ich zumindest).

Die Gestaltung der eigenen vier Wände ist reine Geschmackssache. Du magst sie so und die Kinder mögen sie halt anders. Da man gemeinsam wohnt, gestaltet man die eigenen Räume eben wie man will und die gemeinsamen Räume gestalten diejenigen, die überwiegend drin wohnen, kochen, arbeiten.

Nach den längeren Kämpfen bisher wird vielleicht der Übergang zu dieser neuen Regelung nicht ganz ohne Rückfälle auskommen. Ich habe in solchen Fällen gar nicht rum gemeckert, nur ruhig auf die Regel hingewiesen und dann kreativ die neuen Kritzeleien nach meinem Geschmack übermalt oder was drüber gehängt. Nach einiger Zeit waren die Kinderzimmer bunt und die anderen Räume blieben so, wie ich es wollte.

Wenn die Kinder etwas älter sind, wollen sie ihre Zimmer dann eh anders gestalten und bitten vielleicht um Mithilfe.

Mit diesen ganzen allgemeinen Verboten und mit den Wenn du nicht - Dann Formeln lernt das Kind vor allem eins: Du bist stärker, größer, machtvoller und kannst deinen Willen durchsetzen. Das weiß es aber eh schon. Es ist ja nicht blöd. Was bringt das also? Räumt es dann auf, weil es ein eigenes Ordnungssystem gefunden hat und sich in einem so strukturierten Raum wohler fühlt? Bestimmt nicht. Es wird vielleicht irgendwann erschöpft und verängstigt sich ergeben und aufräumen, weil du stärker bist und es in anderen Bereich so abhängig von dir ist. Du kannst ihm nämlich nicht nur das Spielzeug wegnehmen, sondern auch deine Fürsorge und deine Liebe. Und das weiß es sehr genau, auf eine sehr kindliche, verworrene Art. Wie soll ein kleiner Mensch, der ja nicht so viel Lebenserfahrung hat wie du, rational und vernünftig mit so einer Bedrohung umgehen können? Kann er nicht. Also reagiert der kleine Mensch unvernünftig, irrational. Bis er sich innerlich ergibt.

Für das "Viel zu viel Haben" sind ja nun nicht die Kinder verantwortlich, oder? Das haben die Erwachsenen schlecht hin bekommen, oder? Und es ihnen dann einfach wieder wegzunehmen, würde man, wenn es keine Kinder wären, wohl Diebstahl nennen. Es ihnen zu schenken, oder schenken zu lassen, und es dann als Mittel zur Bestrafung wieder zu nehmen, erscheint mir zumindest verdammt unfair. Würdest du dir das denn als Erwachsene von einem anderen Erwachsenen gefallen lassen, oder fändest du das okay? Eben.

Unabhängig von diesen Gedanken sind kleine Kinder natürlich mit der Menge von Dingen völlig überfordert. Jetzt ist das Zeugs aber da. Was machen?  Da hilft nur Geduld und Spucke. Mit den Kindern, wenn gerade gut Stimmung ist, hinsetzen und gemeinsam aussortieren. Jedes Teil in die Hand nehmen und besprechen, ob das denn gerade wichtig ist, oder nicht. Kaputte Sachen kommen in den Müllsack. Dann die ausgesuchten, nicht kaputten Sachen in eine Kiste packen und diese in den Keller, Dachboden, etc. stellen, mit dem Hinweis, dass das Kind jederzeit ein Teil daraus gegen eines im Kinderzimmer austauschen kann. Wenn man das mehrmals gemacht hat, dann wird es mit der Zeit schon leerer im Zimmer. Wenn neue Sachen vom Kind gewünscht werden, geht es genauso: Ein neues Spielzeug nur gegen ein altes, nicht so oft benutztes.  

Mutter: Ich habe auch nicht verstanden, wie du sie zum Aufräumen bewegen würdest? Es kann ja nicht alles ewig da liegenbleiben - irgendwann muss man da ja mal lang saugen und wenn man Pech hat entdeckt man vor sich hin schimmelnde Lebensmittel inmitten der Unordnung... ohne Zwang und Drohung rühren die keinen Finger. Sie reagieren ja auch nicht auf Erklärungen, warum das Aufräumen nötig ist.

Meine Antwort: Die Aufräumerei. Ein ewiges Thema. Kleine Kinder haben davon entweder gar keine, oder eine völlig andere Vorstellung als die Erwachsenen. (Sogar Erwachsene haben hier unterschiedliche Vorstellungen) Woher sollten sie die auch haben? Kinder lernen durch Vorbild. Also bezieht man sie von klein auf in die Aufräumerei in der ganzen Wohnung mit ein. Das macht ihnen Spaß, wenn es nicht nur aufs Kinderzimmer bezogen ist. Natürlich sind sie keine Putzhilfen, aber schon eine Zweijährige fühlt sich groß und ernst genommen, wenn sie mit einem nassen Lappen in der Küche oder dem Bad mitwischen darf. Das Kinderzimmer ist dann einfach nur ein Teil davon. Der Erwachsene räumt es auf, wenn das Kind will, macht es mit, und es will öfters, wenn daraus kein Stress gemacht wird, sondern ein gemeinsames Tun.

Natürlich will das Kind auch manchmal nicht, denn es passiert ja nach der dem Zeitverständnis des Erwachsenen, vielleicht hat es aber gerade keine Lust oder ist mit anderen Dingen beschäftigt. Dann räumt und putzt der Erwachsene und glaubt mir, das Kind lernt dabei trotzdem, weil es nämlich sieht, wie locker und leicht Aufräumen geht und wie angenehm es ist, in einem aufgeräumten Zimmer zu spielen. Ordnung und Aufräumen sollte niemals ein Kampffeld werden, dabei verlieren alle. Warum sich drei, vier Stunden rumstreiten, oder gar einen ganzen Tag oder Tage, für etwas, was in einer halben Stunde von dir erledigt werden kann? Das Kind immer wieder auffordern mitzumachen, es zuschauen lassen - es lernt es schon. Ist einfach so. Du könntest ihm vertrauen.

Wenn es größer ist, also so um den Schulbeginn, dann kann man erste Vereinbarungen treffen. Hilfreich war immer: Chaos in deinem Zimmer ist okay, in den Räumen, die wir gemeinsam benutzen nicht. Oft hilft allen Beteiligten, dass man gemeinsam einen Tag in der Woche festlegt, an dem alle Zimmer so aufgeräumt sein müssen, damit gestaubsaugt/gewischt werden kann. Das entspannt das Zusammenleben zumindest für sechs Tage.  

Meine Erfahrung mit der Aufräumerei: War immer Thema, ist Thema und wird eines bleiben. Das einzige, was man tun kann, ist, da so wenig Energie wie möglich rein zu stecken. Eine Patentlösung zum Überstülpen gibt es nicht. Aber es ist auch eines der Themen, in die man schlichtweg aufhören sollte, auch wenn es so schrecklich beliebt ist, Erziehungsmaßnahmen reinzustecken. Sonst wird es ein einziges Schlachtfeld mit Verwundeten auf beiden Seiten und aufgeräumt ist dann immer noch nicht. Meistens ist es einfach besser und gesünder, schnell mal selbst Hand anzulegen und die dadurch gewonnene Zeit gemeinsam mit Sinnvollerem zu verbringen.

*Anmerkung
Ein großer Irrtum der Pädagogen war schon immer, dass sie meinten, ihre Erziehungsmaßnahmen, begonnen schon beim kleinsten Kind, würden wirklich etwas bringen, weil irgendwann später das Kind ja das gewünschte Verhalten drauf hatte. Übersehen haben sie dabei, dass das ganze pädagogische Gehabe in jüngsten Jahren nicht die Ursache für ein erwachseneres Verhalten beim Kinde war, sondern schlichtweg der Tatsache geschuldet, dass das Kind jetzt eben tatsächlich älter geworden und erst jetzt in der Lage war, das, was sie da immer rum gebabbelt oder gar geschrien hatten, geistig zu verstehen und zu verarbeiten. Übersehen haben sie jedoch auch, dass der Schaden, den sie in der kindlichen Seele angerichtet hatten, viel, viel größer war, als der von ihnen damals gewünschte Lerneffekt und so manches „gute“ Verhalten des größeren Kindes eher gebaut war auf einem zertrümmerten Inneren, auf Angst und Furcht, denn auf Einsicht und Wissen.

Sandmann


"Na, Kind, gut geschlafen?"

"Das Sandmännchen hat den Albtraumstein geklaut. Das Feuer und die Schlange haben sich dann mit den Händen an mir festgehalten. Geschlafen hab ich trotzdem gut."

"Du solltest mal mit dem Sandmann reden. Ich würde mir das nicht gefallen lassen. Der kann doch nicht einfach deinen Stein klauen."

"Sandmännchen haut man aber nicht Oma!"

"Sagt wer?"

"Ich. Und ich mach das, was ich von mir hör."

Gewalt gegen Kinder ist keine Privatsache!


In alltäglichen Situationen, zum Beispiel im Supermarkt, im Bus, auf dem Spielplatz, langt oft ein freundliches „Kann ich helfen?“ oder ein bestimmtes, lautes „Stopp!“ um die Aufmerksamkeit vom Kind ab und auf sich zu ziehen. Streiten bringt übrigens gar nichts. Ruhig und sachlich bleiben und wenn notwendig auch ein klares „Ich werde das nicht zulassen!“ aussprechen. Eskaliert die Situation, dann holt man sich Hilfe, auch durch die Polizei und wendet sich schützend und ansprechend an das Kind. In den meisten Fällen wird dies jedoch gar nicht nötig sein. Wenn möglich Gesprächsbereitschaft signalisieren und sei es auch nur durch die Übergabe einer Visitenkarte oder Telefonnummer.

Wichtig ist das nicht nur um die konkrete gewalttätige Situation aufzulösen, sondern auch und vor allem dem Kind zu signalisieren, dass das Verhalten seines Erwachsenen nicht die Normalität und nicht selbstverständlich in Ordnung ist. Das da andere Erwachsene sind, die es sehen, wissen, ansprechen, die sich einmischen, aufpassen, vielleicht sogar Ansprechpartner außerhalb der konkreten Situation sein könnten.