Gespräche mit KleinMadame


KleinMadame ist meine Enkelin. Geboren im Januar 2014. Wir leben im gleichen Haus und haben so unsere Rituale. Die sind uns beide wichtig. 

Geburtstagskrönchen

„Da ich morgen Geburtstag habe, darf ich mir im Kindergarten ein Krönchen aufsetzen.“

„Oh, dann bist du morgen eine Königin?“

„Quatsch Oma, ich bin doch keine Königin, ich bin eine Kämpferin!“

„Ähm. Mit Krönchen?“


„Wenn Kämpferinnen gut kämpfen, dann bekommen die auch eine Belohnung. Der Onkel Saba hat ja auch so was. Das kann bei einer Kämpferin auch eine Krone sein, oder? Pokale auf dem Kopf, das wäre ja blöd.“

„Klar, vielleicht hast du die ja auch im Kampf der ollen, doofen Königin abgenommen. Manchmal müssen Königinnen auch ihre Krone verlieren. Oder ihren Kopf.“

„Den Kopf kann sie behalten, den brauch ich nicht.“

„Das ist aber lieb von!“

„Omaaaaaaa, wollen wir zusammen das Tierbuch angucken?“

„Ne, ich bin am Lesen und hab keine Zeit jetzt.“

„Aber morgen! Morgen musst du machen, was ich will, denn morgen habe ich die Krone auf und Geburtstag! Da müssen alle machen, was ich will!“


„Klar, wenn du das sagst. Pass dann nur gut auf deinen Kopf auf, Kind, pass gut auf ihn auf!“ 

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Schubladen und so

„Oma, erst war ich ein Baby, jetzt bin ich ein Kind, dann werde ich erwachsen und dann bin ich ein Häuptling. Richtig?“

„Ne, das eine sind Lebensalter, das andere ist eine Statusbezeichnung. Ein Häuptling ist der Chef zum Beispiel von den Indianern.“

„Der Papa ist auch ein Chef.“

„Ja, auf der Arbeit. Zu Hause ist die Mama die Chefin.“

„Was ein Quatsch du sagst, Oma. Der Papa hat gesagt zu Hause sind wir alle Chefs! Weil wir alle etwas wissen und zusammen wissen wir alles.“


Kluges Kind und eine ab und an in bequeme Schubladen sortierende Oma.

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Sesselgespräche

„Oma, du bist alt und dick.“

„Du bist jung und schlank.“

„Und jetzt?“

„Du hast angefangen, also beende es auch.“

„Der Luis ist jung und dick. Der Opa ist alt und dünn.“

„Ja.“

„Alle sind manchmal lieb, manchmal blöd. Manchmal lustig, manchmal traurig.“

„Ja.“

„Der Opa mag Fleisch, ich nicht. Mein Kuscheltier ist ein Pferdchen. Der Luis hat einen Teddy.“

„Ja, in vielen Dingen sind die Menschen ganz unterschiedlich.“

„Aber alle haben eine Nase, zwei Augen, zwei Hände und Füße, einen Bauch und einen Po.“

„Ja, Kind.“

KleinMadame klettert auf die Fensterbank, schaut in den Hof. Man sieht quasi die bunt blinkenden Lichter ihrer Gedanken.

„Oma, mir ist egal, ob du alt und dick bist.“

„Ja, mir ist auch egal, dass du jung und schlank bist.“

„Ich habe dich lieb, Oma.“

„Ich dich auch, Kind.“

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Das Ding mit dem lieb haben

„Spielen, Oma?“
„Nein.“
„Bütteeee!“
„Ist mir zu heiß.“
„Ich will aber!“
„Dann spiel doch. Ich will nicht.“
„Du bist gemein.“
„Okay.“
„Dann lieb ich dich jetzt nicht mehr!“
„Mach mal. Ich lieb dich.“
„Wenn ich dich nicht liebe, dann kannst du mich auch nicht lieben.“
„Doch, kann ich.“
„Das ist doch blöd!“
„Was?“
„Wenn ich dich liebe, dann liebst du mich. Wenn ich dich nicht liebe, dann liebst du mich auch.“
„Ja.“
„Richtig, richtig blöd!“
„Ne, das ist Liebe. Ist einfach so.“

KleinMadame grummelnd in der Ecke. War gespannt, was sie daraus machen würde.

Nächster Tag:

„Mein Bruder ist so anstrengend, Oma. Er macht mir als meine Sachen kaputt. Ich habe ihn dann halt nicht mehr lieb. Und manchmal muss ich ihn dann schubsen!“
„Ach?“
„Macht aber nix. Er liebt mich trotzdem.“
„Ja?“
„Und dann habe ich ihn auch wieder lieb. Weil er mich eben trotzdem lieb hat. Und er ist so süß, wenn ich ihn dann kuschele. Die Mama sagt, dass sei normal, dass man sich streitet und dann liebt. Und die Mama hat immer recht, auch wenn sie nicht recht hat.“
„Wie kommst du denn darauf, dass sie immer recht hat?“
„Na, weil sie doch die Mama ist!“
„Mamas können sich auch irren, Kind.“
„Ich lieb sie aber trotzdem!“

Welch zorniger Blick.

Sie ist auf dem richtigen Weg. Eindeutig. 

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Dinosprache

„Komm, wir räumen jetzt auf.“

KleinMadame murmelt irgendwas vor sich hin.

„Kind, kannst du nicht klar und deutlich sprechen?“

„Du hast dich geirrt, Oma. Das war kein Parasaurolophus, sondern ein Argentinosaurus. Das sieht man doch am Skelettaufbau.“

„Und was hat das jetzt mit dem Aufräumen zu tun?“

„Das ist aber viel wichtiger. Stell dir vor, du gehst aufs Feld und dann kommt da so ein Dino angerannt und du weißt nicht wie der heißt. Wie willst du dich denn da mit ihm unterhalten. Die sprechen bestimmt alle eine andere Sprache.“

„Die können alle Englisch. Punkt. Wir räumen jetzt auf!“

KleinMadame gibt komische Laute von sich.

„Kind, ich verstehe dich nicht!“

„Das war jetzt Englisch. Und du hast es nicht verstanden! Du musst jetzt Englisch lernen!“

„Nein, wir r ä u m e n jetzt auf!“

„Ich räume auf, Oma, und du lernst Englisch. Sonst kannst du nicht mehr aufs Feld gehen. Wegen der Dinos. Das ist gefährlich. Ohne mit denen reden zu können, ist es gefährlich!“

Okay, damit kann ich leben.

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Evolution

„Oma, haben die Menschen auch Dinos gegessen?“

„Als die Dinosaurier auf der Erde lebten, da gab es noch keine Menschen.“

„Und wo kamen die Menschen dann her?“

Okay, es gibt so Fragen. Nachdem ich im Schnelldurchlauf die Evolution runterrasselte und das Kind mich nur mit einem völlig abgenervten Blick anschaute, war ich kurz, aber wirklich nur ganz kurz davor ihr die Geschichte mit der Rippe und dem Apfel hinzuwerfen. Ich glaube nun wirklich, dass dies der einzige Grund ist, warum sich diese Fabel so lange gehalten hat: Es ist eine so schöne, einfache, bequeme Antwort auf eine kindliche Frage.

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Heiliger Geist

„Oma, Weihnachten ist wie Halloween.“

„Wie kommst du denn da drauf?“

„Na, dem Baby sein Vater ist ein Geist.“

„Aha.“

„Und der wohnt oben.“

„Wo oben?“

„Auf dem Dach.“

„Da zieht es doch.“

„Ne, der kuschelt sich an den Stern.“

„Ein Stern ist keine Sonne.“

„Wir könnten ihm ja einen Mantel schenken.“

„So einen halben?“

„Einen halben für den Geist und einen halben für das Baby.“

„Wenn du meinst.“

„Oder wir gehen auf den Flohmarkt und kaufen einen ganz Ganzen.“

„Auch eine Idee.“

„Oma.“

„Ja.“

„Das ist doch alles Quatsch.“

„Ach ja. Schnellmerkerin.“

„Ein Geist braucht doch gar keinen Mantel. Der ist doch durchsichtig und kann durch Wände gehen. Wenn dem kalt ist, dann kommt er einfach runter und legt sich neben die Heizung.“

„Dann ist doch alles in Ordnung.“

„Ja.“

„Na gut, kann ich jetzt Kaffee trinken und wach werden?“

„Klaro, Oma.“

„Oma?“

„Hm.“

„Wenn der durchsichtig ist, wie will der denn dann kuscheln. Der kann doch gar kein Baby auf dem Arm halten.“

„Och, der kann noch ganz andere Sachen nicht. Können wir da später, viel später nochmal drüber reden?“

„Okay. Ich frag die Betreuerin im Kindergarten. Die weiß solche Sachen.“

„Mach mal. Die freut sich bestimmt.“

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Fantasie

„Ich habe Fantasie, Oma.“

„Weißt du denn, was das ist, diese Fantasie?“

„In meinem Kopf kann ich mir vorstellen, dass ich fliegen kann. Und hexen kann ich da auch. Das kannst du aber nicht sehen. Das ist Fantasie.“

Ich liebe dieses Kind.

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Klatschen

„Oma, es regnet!“

„Ja, Schatz.“

„Das war ich!“

„Was warst du?“

„Ich habe heute Morgen gesungen.“

„Ich weiß. Ganz Neuberg wurde wach davon.“

„So schön laut, ja.“

„Ja.“

„Und darum regnet es jetzt.“

„Ach?!“

„Ja, weil der Himmel kann ja nicht klatschen. Das wäre ja auch komisch. Darum schickt er Regen. Weil es ihm gefallen hat. Ist wie in die Hände klatschen. Nur eben himmelig. Klatscht halt auf dem Boden. Hörst du.“

„Na, denn. Dann solltest du wohl öfters singen.“

„Mach ich doch. Versprochen!“
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Kindergeburtstag

„Oma, gehen wir jetzt auf den Kindergeburtstag?“

„Kind, es ist erst halb acht.“

„Oma, gehen wir jetzt auf den Kindergeburtstag?“

„Kind, es ist erst acht Uhr.“

Oma, gehen wir jetzt auf den Kindergeburtstag?“

„Kind, es ist erst viertel nach acht.“

„Omaaaaa, gehen wir jetzt auf den Kindergeburtstag?“

„Kind, du fragst mich das jetzt seit heute Morgen alle paar Minuten. Der Geburtstag ist erst am Nachmittag!“

„Ist gleich Nachmittag?“

„Nein, das dauert noch eine lange Weile!“

„Bis dahin bin ich tot, Oma!“

„Frag mich mal, Kind.“


Geduld ist eine Tugend. Geduld ist eine Tugend. Geduld ist eine Tugend.

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Rentiere

„Der Regenmann hat sich einfach wieder so reingeschlichen, Oma. Wir wollten doch auf den Spielplatz und du hast gesagt, es regnet heute nicht.“

„Stimmt, so ein verdammter Schlingel. Aber, bei dem Regen geh ich nicht auf den Spielplatz.“

„Wo ist denn nur die Schneekönigin. Du hast gesagt, sie kann den Regen in Schnee verwandeln. Und Schnee und Spielplatz geht. Wo ist sie nur?“

„Och, die Dame wird sich mit dem Herrn Lenz zu einem Schäferstündchen zurück gezogen haben.“

„Was haben denn Schäfchen mit der Schneekönigin zu tun, Oma? Du meinst bestimmt Rentiere. Rentiere sind doch keine Schafe.“

„Stimmt. Manchmal bin ich aber wirklich schusselig. Verwechsle ich doch Schafe mit Rentieren. Sowas aber auch.“

„Omaaaa.“

„Ja?“

„Wir könnten im Hof Fußball spielen.“

„Ja, mit Regenschirmen. Das kommt gut.“

„Dann sehen wir aber komisch aus. Aber, das macht ja nix. Der Herr Wind ist ja auch nicht da. Der ist bestimmt auch bei der Schneekönigin und den Rentieren. Deshalb fliegen wir auch nicht weg mit den Schirmen.“

„Jepp, lass uns kicken!“

*Anmerkung
Ein ausgeprägtes Sprachverständnis bei einem kleinen Kind fordert dazu auf, achtsam mit den eigenen Worten umzugehen.
Manchmal bin ich so dankbar für die wunderbare kindliche Logik.

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Sandmann


"Na, Kind, gut geschlafen?"

"Das Sandmännchen hat den Albtraumstein geklaut. Das Feuer und die Schlange haben sich dann mit den Händen an mir festgehalten. Geschlafen hab ich trotzdem gut."

"Du solltest mal mit dem Sandmann reden. Ich würde mir das nicht gefallen lassen. Der kann doch nicht einfach deinen Stein klauen."

"Sandmännchen haut man aber nicht Oma!"

"Sagt wer?"

"Ich. Und ich mach das, was ich von mir hör."



Zwei Tage später, nachdem wir immer wieder über Albträume gesprochen hatten:

Kind hat etwas Neues gelernt:

"Oma, letzte Nacht war wieder ein Gespenst in meinem Traum."

"Und, was hast du gemacht?"

"Ich habe gesagt; Bitte, geh doch wieder."

"Und?"

"Du hattest recht. Es hat die Tür aufgemacht und ist verschwunden."

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Smaltalk mit KleinMadame im Auto:

"Die Mama tanzt auch."

"Aber Oma, mein Tanzen ist viel schwieriger. Das können nur Kinder. Mama kann das nicht. Und du auch nicht."

"Na ja, Erwachsene können auch tanzen. Ist nur anders."

"Oma, ich wachse doch. Ich bin g e w a c h s e n!"

"Ja klar bist du gewachsen. Ich meine aber Erwachsene. So wie deine Tanzlehrerin."

"Die kann aber nicht tanzen. Die ist doch kein Kind!"

"Ja, sie tanzt eben wie eine Erwachsene."

"Hab ich doch gesagt. Die kann nicht tanzen. Das können nur Kinder. Weil es sooooo schwierig ist. Sie wächst ja auch nicht mehr."

"Erwachsene wachsen auch. Mehr innerlich, weißt du."

Sie denkt nach. Es qualmt quasi.

"Deswegen bist du so dick, Oma?"

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Tiefkühltruhe

„Oma.“

„Ja.“

„Omaaaa.“

„Hmmm“

„Ich esse jetzt ein Eis.“

„Mach mal.“

„Oma, willst du auch ein Eis?“

„Nein, ist mir zu kalt für.“

„Ja, es liegt ja auch in der Gefriertruhe.“

„Hm.“

„Das Eis.“

„Hm.“

„In der Gefriertruhe ist Licht.“

„Hm.“

„Im Zimmer, da wo die Gefriertruhe steht, da ist kein Licht.“

„Hm.“

„Es könnte ein Marder im Zimmer sein. So ein gaaaanz großer Marder.“

„Hm.“

„Oder etwas viel Größeres. Marder sind gefährlich. Etwas Größeres ist noch viel, viel gefährlicher.“

„Kind, wollen wir gemeinsam rüber gehen und dir ein Eis aus der Gefriertruhe holen?“

„Ja!“

Ein Strahlen huscht über ihr Gesichtchen und die Sonne geht auf. 😊

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„Oma! Ich kann so gar nicht schlafen!“

„Du könntest Schäfchen zählen. Das soll helfen.“

„Oma, du sagst Quatsch. Es ist doch dunkel draußen, da kann ich keine Schäfchen zählen. Ich sehe die doch gar nicht.“

„Mama, warum erzählt die Oma denn so einen Quatsch?“

„Ich weiß nicht. Frag sie doch selbst.“

„Vielleicht, weil sie schon so eine urururalte dicke kleine Oma ist?“

Wie schön, dass man dann ganz gelassen wie ein Jungspund die Treppe hinunterhüpfen und die Tür hinter sich schließen kann.

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Wille

"Kind, ich habe jetzt keine Zeit für dich."

"Ich muss aber jetzt bei dir sein, Oma."

(Leidender Blick und schiere Verzweiflung in der Stimme.)

"Ach, warum denn das?"

"Weil ich will! Da kann ich gar nichts gegen machen."