Entschleunigung

Eltern sind weder Ersatz-Lehrer noch Ersatz-Kinder.

Kinder lernen von ihren Eltern durch Vorbild. Sie lernen unter anderem von ihnen, was es heißt den eigenen Alltag als ein Erwachsener zu strukturieren. Deshalb kann man sich als Eltern ruhig erlauben auch mal ein schönes Buch auf der Terrasse zu genießen, die Zeitung zu lesen, oder sonst einer entschleunigten Beschäftigung nachzugehen. Man muss nicht immer mit einem wertvollen Kinderbuch hinterm Kind herjagen oder sich pädagogisch wertvolle Spiele ausdenken. Wenn das Kind dann über Langeweile klagt, weil sein PersonalVergnügungsCoach mal was ganz eigenes für sich tut, dann hilft ein liebevolles: „Nun, dann bin ich aber sehr gespannt, wie du das mit der Langeweile für dich löst!“

Langeweile haben dürfen ist in meiner Welt ein Menschenrecht. Das ist der Boden, auf dem Eigenständiges sich entwickeln kann.

Verträumt vor sich hin liegen, in die Luft gucken oder einfach nur auf den eigenen Herzschlag hören – wunderbare Dinge, die aus Langeweile entstehen können. 

Jetzt

Viele Eltern quälen ihre Kinder heute aus einer Perspektive heraus, die das Morgen meint. Aber dieses "Morgen" kann von Kindern nicht verstanden werden, denn sie leben im Jetzt. Und so wird das schmerzende Jetzt des Kindes das zukünftige Morgen bestimmen und nicht das absichtsvolle (oft wohlmeinende, keine Frage) intendierte Morgen der Eltern.

Wir können!

Können wir Kinder vor Gewalt in jedweder Form und deren Folgen schützen?

Immer? Nein. Immer öfters? Natürlich. Könnten wir. Wir könnten eine Menge tun:

Wir könnten uns bedingungslos an ihre Seite stellen. Wir könnten jedwede Form von Gewalt sofort laut und deutlich an- und aussprechen.

Wir könnten ein gesellschaftliches Klima schaffen, in dem Gewalt, Erniedrigung, Liebes- und Fürsorgeentzug, Erpressung, Ausbeutung und Einschüchterung keine anerkannten oder stillschweigend hingenommenen Formen des Umganges mit Kindern mehr sind.

Wir könnten das Wohl des Kindes über die elterliche Verfügungsgewalt und den Schutz der Familie stellen.

Wir könnten unsere Gesetzgebung schärfen und Verjährungsfristen in Fällen jeglicher Gewalt gegen Kinder in die Mülltonne kloppen.

Und wir könnten als pädagogischen Grundkonsens vereinbaren und leben: Macht Kinder stark und selbstbewusst, lehrt sie "nein!" zu sagen, selbstständige Entscheidungen treffen zu können, eigene Meinungen zu haben, widerständig zu sein und sich mit Autoritäten kritisch auseinanderzusetzen.

Wir könnten ihnen Raum für die Entwicklung ihrer! Persönlichkeiten geben und sie nicht zu Abziehbildern unserer unterdrückten Erwachsenenträume erziehen.

Wir könnten den Kindern von klein auf ihre Rechte beibringen und diese, für sie und mit ihnen, ohne Wenn und Aber in jeder Situation vehement verteidigen.


Wir könnten aus dem "Könnten" ein Können machen. Können wir!

Wegweiser

Was mir immer ein hilfreicher Wegweiser in all dem Erziehungsgedöns war? Letztendlich war es immer die Frage: "Würde ich jemandem erlauben so mit mir zu reden oder so mit mir umzugehen?" Meistens war der schwankende Boden unter meinen pädagogischen Füssen dann immer wieder glatt und ruhig und ich wußte ganz sicher, was in dieser konkreten Situation von meiner Seite aus angemessen, oder eben nicht, war.

Übrigens: Sich auch bei kleinsten Kindern für ein anmaßendes Verhalten ihnen gegenüber zu entschuldigen und eine kurze verständliche Erklärung dazu abzugeben, ist und kommt ausgesprochen gut und untergräbt in keinster Weise die Vorbildqualitäten. Ganz im Gegenteil.

Warten

Weil manche ja immer wieder davon berichten, dass kleine Kinder so ungeduldig seien: KleinMadame (2J) ist eine Meisterin des geduldigen und quasi meditativen Ausharrens. Sie schlägt uns alle darin in Längen: "Komm wir gehen jetzt mal einkaufen." ... "Nein, ich will nicht." Und dann steht sie. Ganz ruhig, ganz in sich gekehrt ... und steht, und steht, und steht ... Du kannst machen, was du willst, argumentieren, im Kreis tanzen, rum hüpfen ... sie steht. Dann, irgendwann, wenn du schon deine Tagesplanung im Geiste neu organisiert hast, kommt ein Strahlen: "Einkaufen gehen, ja, ja, ja."

Manche sage jetzt, das würde dem Kinde nicht gut tun. Dieses Warten, bis es endlich soweit ist. Nun, in diesem Fall tut es allen gut. Denn sich durchzusetzen würde viel mehr Energie auf allen Seiten kosten. Und dann gibt es oft im Laufe eines Tages genug andere Dinge, die nicht diskutierbar sind. Meistens kommt da auch kein Widerstand von Kleinmadame. Warum wohl? Nun, sie bemerkt es wohl am Ton, den Vorbereitungsgesprächen und am Drumherum, dass es jetzt um Terminiertes geht und - aufgepasst! - sie weiß einfach, dass es dafür Situationen gibt, in denen auf sie Rücksicht, siehe oben, genommen wird. Irgendwie ist so immer alles in Balance und ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder für diese Ausgeglichenheit ein sehr feines intuitives Gespür haben.

Verquert

„Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube, die Menschen werden allgemein lieber getreten als ignoriert.“ Dietmar Dath

Aus meiner Arbeit mit Kindern: Viele lernen schon ganz früh, dass negative Aufmerksamkeit  immer noch besser ist, als gar keine. Ein Schlag ist besser, als gar keine Berührung. Und handeln danach, bis es ein festgefahrenes Muster in ihnen ist. Dann werden sie abgestempelt als: Sozial auffällig, hibbelig, frech, anmaßend, ungehorsam, etc. ... Aber dafür gibt es ja dann eine Pille

Stillen im öffentlichen Raum

Ich würde aus „Ich-stille-mein-Baby-im-öffentlichen-Raum“ keine Ideologie machen. Ich würde es mir aber auch nicht verbieten lassen, weil ein Verbot irgendwie beinhaltet, ich würde unangemessen und unflexibel damit umgehen. Meine Erfahrung von Angemessenheit: Manchmal wäre Warten lassen einfach unangemessen. Manchmal brauchen wir einen stillen, äußerst geschützten Ort. Manchmal macht Trubel guten Hunger. Manchmal kann ich nicht alleine sein, weil ich sonst zu unruhig bin. Manchmal, manchmal …  Wegweiser ist eigentlich für Angemessenheit immer „Wie geht es meinem Kind und was braucht es gerade, damit es ihm jetzt gut geht?“ Diese Flexibilität und Verantwortung würde ich mir durch ein Verbot nicht nehmen lassen. Ich kann selbst denken.