Irrtum

„Können Sie mir etwas über das pädagogische Konzept Ihrer Einrichtung erzählen?“

„Bei uns werden schon die Kleinsten kindgerecht an bildungsrelevantes Wissen und entsprechende Themen herangeführt. Aufgrund unserer geförderten Personalgestaltung bieten wir zwei bzw. drei sprachige Gruppen mit Muttersprachlern an. Wir fördern, nach den allerneusten Erkenntnissen angeleitet, das kindliche Potential und legen Wert auf strukturierte Angebote und einen ebensolchen Tagesablauf. Zusätzlich können in den Nachmittagsstunden bestimmte Lernfelder (z.B. musikalische Früherziehung, angeleitete Tanzgruppe, Vorschulerziehung, gewaltfreie Kommunikation, Kinderyoga) zur Vertiefung hinzu gebucht werden. Ab dem 5. Lebensjahr gehen die Kinder in die Vorbereitungsgruppen für die Schule. Wir arbeiten sehr eng mit den umliegenden Grundschulen zusammen, so dass der Übergang von Kindergarten in Schule leichter fällt.“

„Ach nein, das ist uns zu billig. Sie bieten ja anscheinend nur marktkonforme Förderung, Bildung, Erziehung an. Das wollen wir nicht für unser Kind. Wir hätten schon ganz gerne eine hochqualifizierte Einrichtung, in der das Kind einfach Kind sein darf. Aus dem Kind soll ja schließlich mal was werden.“ 

Traumerfüller

Manche Erwachsene verstehen da etwas miss, darum kann es gar nicht oft genug wiederholt werden: Für die Erfüllung deiner Träume bist nur du zuständig. Weder der Partner, noch die Partnerin und schon gar nicht dein Kind oder deine Kinder. Immer wieder erlebe ich es, dass Kinder die unerfüllten Träume ihrer Erwachsenen erlösen sollen. Diese Aufgabe ist unerfüllbar und macht alle Beteiligten krank: Das Kind, weil es damit völlig überfordert und den Erwachsenen, weil der Geschmack der angestrebten Traumerfüllung ein bitterer ist. Lasst es einfach sein, es bringt nichts außer Leid und Enttäuschungen auf allen Seiten. Habt euch bedingungslos  lieb, das ist schon Aufgabe genug.

Knusperhäuschen

„Ja, die Hexe hätte heute keine Chance mehr mit ihrem verlockenden Knusperhäuschen.“

„Wie kommen Sie denn jetzt auf so was, Frau Müller?“

„Mir ging gerade durch den Kopf, dass die Kinder heute viel zu gut geschult sind in all den Feinheiten der Lebensmittelzusätze und wie gefährlich die sind. Wegen Allergien und Unverträglichkeiten und so. Süßigkeiten sind das große Bäh.“

„Aber, Frau Müller, Kinder sind Kinder! Und Kinder lieben Süßbatsch. Die könnten nicht widerstehen.“

„Doch, würden sie. Sie sind derart eingeschnürt in elterliche Überwachung und Behütung. Die würden sich nicht trauen. Die kämen ja nicht mal bis in den Wald.“

„Arme Kinder. Dann könnten sie die Hexe ja gar nicht in den Ofen stoßen.“

„Eben. Darum geht es doch.“ 

Emotionaler Missbrauch

Deine
Vergangenheit
kann niemand ändern.

Aber wir können gemeinsam
die alten Muster aufspüren,
dem Schmerz, der Traurigkeit
und dem Zorn des Kindes
einen sicheren Raum und
eine Stimme geben.
Lass uns eine neue, erwachsene
Melodie für Dein Leben schreiben.

Emotionaler Missbrauch durch die Eltern gräbt sich tief in die eigene Seele ein und lässt sich nur schwer entwirren. Manche Menschen tragen diese Bürde ihr ganzes Leben lang mit sich herum, wiederholen die selbstverletzenden Muster in eigenen Partnerschaften und geben diese in vielen Fällen an ihre eigenen Kinder weiter.

Emotionaler Missbrauch hat oft ein scheinbar fürsorgliches, liebevolles Gesicht. Versteckt sich hinter einem „Ich tue doch alles für dich.“ und „Ich will doch nur dein Bestes!“. Und doch steckt dahinter immer auch die unausgesprochene Botschaft: „Sei dankbar!“, „Sei brav!“ und „Sei so, wie ich es will und brauche!“. Ansonsten droht Liebesentzug oder gar Bestrafung.

Kinder verwickeln sich, weil sie es nicht anders können und gelernt haben, oft in Schuld und Scham. Sie reagieren mit vorauseilendem Gehorsam, doch in ihnen gärt ein nebliges Wissen um die ihnen zugefügten Ungerechtigkeiten. Es zerreißt sie innerlich und schreddert jeden kleinsten Funken von Selbstgewissheit. Die eigenen Bauchgefühle werden zum inneren Feind.

Bindungsunfähigkeit, Nähe – Distanz Problematiken, Angstzustände, Beziehungsunfähigkeiten Abhängigkeitsverhältnisse, mangelndes Selbstbewusstsein, selbstverletzendes Verhalten sind nur einige der möglichen Folgen.

Die natürliche Reaktion auf emotionalen Missbrauch wäre der Zorn. Doch der ist verboten: Durch die Eltern, das soziale Umfeld und später durch sich selbst. Es bleiben die Angst, die Scham und das Schuldgefühl und weben ein festes Netz um jedes mögliche „Nein“, um jeden Gedanken an Unabhängigkeit, um jeden Schritt in das eigene, selbstbestimmte Leben.

Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Aber wir können gemeinsam die alten Muster aufspüren und als Erwachsene dem Schmerz, der Traurigkeit und dem Zorn des Kindes einen sicheren Raum und eine Stimme geben und neue, erwachsene, Verhaltensmuster erarbeiten.

Das ist kein Spaziergang. Jeder Schritt kann wehtun. Es braucht seine Zeit. Hilfreich ist eine kompetente Begleitung auf diesem Weg.

Das ist mein Job. 

Kinderschutz

Das ist etwas, was ich noch nie verstanden habe und was mir schon vor vierzig Jahren beim Kinderschutzbund bitter aufgestoßen ist und mich seitdem immer wieder und wieder hilflos erstarren lässt: Warum zählt der sofortige Schutz des Kindes weniger als die mögliche Unschuldsvermutung in Bezug auf die Eltern? Ich kapiere es nicht, ich kapiere es einfach nicht. Wenn ein kleines Kind mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus kommt, dann hat es! und nicht die Eltern, ein Recht auf jetzigen Schutz. Sofort. Punkt. Was ist daran so schwer umzusetzen? Man könnte sich eventuell geirrt haben und das Kind ist wirklich die Treppe runter gefallen? Jesses, ja und? Dann wird das in Ruhe geklärt und in dieser Zeit kann das Kind vielleicht ein wenig gesunden. Es könnte aber auch anders sein. Und dann? Jedes gequälte und totgeschlagene Kind ist eines zu viel. Das Recht des Kindes auf umfassende und jederzeit zu sichernde körperliche und seelische Unversehrtheit wiegt meiner Meinung viel schwerer als die Befindlichkeitsstörungen von Eltern und Jugendamtsmitarbeitern. ... Und für die ganz Schlauen: Die jeweilige ethnische Zugehörigkeit von Eltern und Kind spielt überhaupt keine Rolle.

Ja, es wird ein riesen Bohei gemacht und alles ertrinkt in Vorschriften, Ausführungsbestimmungen, Amtshierarchien, Zuständigkeitsgerangel, Ängstlichkeiten, mangelnder Zivilcourage, Fünfausfertigungsformularen, Anträgen, Absprachen, Teamsitzungen, Blablablubbs - und zwischendrin verrecken die Kinder.

Baby schreit

Babys schreien lassen. Aus welchen verquerten Gründen auch immer, scheint dies immer noch oder schon wieder durch die Köpfe so mancher Menschen, und auch Pädagogen, als ein probates „Erziehungsmittel“ zu spuken. Mir wird schlecht.   

Da kleine Menschen noch kein Zeitgefühl haben, ist eine Sekunde schreien für sie identisch mit einer Ewigkeit. Allein dieser Gedanke schmerzt mich. Wie entsetzlich muss es sein in einem unendlichen Zeitkontinuum sich einsam und verlassen und nicht gehört zu fühlen. Manchmal denke ich, dass keine Minute der späteren Zuwendungen diesen Schmerz je gänzlich wird heilen können. Es prägt, ganz, ganz tief innen. Folgen: Gefühlte Einsamkeit, Bindungsängste, tiefe Zweifel an der eigenen Selbstwirksamkeit. Kann man das "heilen"? Nein, wenn ich ehrlich bin, dann denke ich, dass diese Wunde niemals verheilen wird. Man kann sie nur pflegen, so dass sie nicht permanent nässt und man kann vielleicht verhindern, dass sie immer wieder zu sehr aufreißt, indem man sich ihrer bewusst wird und sie als Teil von einem selbst liebevoll annimmt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger ist möglich.

Krippenspiel

“Aber es führt kein Weg um die Einsicht herum, dass die Mehrheit ganztagsbetreuter Krippenkinder, selbst wenn sie in schönen Räumen mit anregendem Spielzeug von engagierten Erzieher/-innen betreut wird, den Tag in ängstlicher Anspannung verbringen, dass sich dies bei einem Teil der Kinder in anhaltenden Verhaltensauffälligkeiten niederschlägt und dass mit dieser Form der Betreuung Risiken für die langfristige seelische und körperliche Entwicklung einhergehen.” (R.Böhm)

Kann ich aus meiner Erfahrung im U3 Bereich nur bestätigen. Morgens heiße Tränen beim Verabschieden und dann ab mittags dieses sich steigernde ängstliche Vergewissern, ob Mama/Papa ganz bestimmt wieder kommen. Manche der Kleinen sind zwischen 7 und 9 Stunden in der Einrichtung. Das ist an vielen Tagen schlichtweg zu lang. Zum Wohl des Kindes ist das nach meiner Meinung alles nicht. Und dann beschweren sich die Eltern auch noch, dass ihr Kind abends nicht einschläft bzw. in der Nacht unruhig schläft und verlangen von der Betreuung, die Kinder mittags nur ja nicht zu lange schlafen zu lassen, da sie hierin die einzige Ursache für ihre gestörte Nachtruhe sehen. Das ist alles so gaga, Leute. Immerhin lerne ich gerade voller Optimismus: Meine Berufssparte, die der Therapeuten, wird in Zukunft nicht arbeitslos werden. *grummel


Nein, dich interessiert nicht wirklich,
dass es da schon Frühstück gibt.
Du weinst.
Nein, du willst dir nicht das neue Auto angucken,
oder mit Leon spielen.
Du weinst.
Nein, du willst nicht noch vom Fenster aus winken
und von der fremden Frau fest gehalten werden.
Du weinst.
Nein, du glaubst nicht, dass sie wieder kommen wird.
Du weinst.


Deine Tränen interessieren nicht. Sie werden mit Gedudel und glatten Lügen übertüncht. Animationsgedöns, bis Gefühle verschluckt werden und sich ein Lachen über deine Lippen drängt. Du spürst, dass du damit der Frau, die dich im Arm hält, eine Freude machst. Also schluckst du tapfer weiter und lachst und spielst und verteilst Freude. Nur ab und an, da werden deine Augen groß, sind weit weg und nass. Und wenn das Schlucken nicht mehr klappt, dann schubst du mal willkürlich, beißt oder schlägst um dich. Dann hält sie dich wieder, diese Frau und schenkt dir alleine für ein paar Minuten Aufmerksamkeit. Dein leises Weinen hören sie nicht, dein Schreien und Toben schon. Was lernst du nur daraus, Kind?