Warten

Weil manche ja immer wieder davon berichten, dass kleine Kinder so ungeduldig seien: KleinMadame (2J) ist eine Meisterin des geduldigen und quasi meditativen Ausharrens. Sie schlägt uns alle darin in Längen: "Komm wir gehen jetzt mal einkaufen." ... "Nein, ich will nicht." Und dann steht sie. Ganz ruhig, ganz in sich gekehrt ... und steht, und steht, und steht ... Du kannst machen, was du willst, argumentieren, im Kreis tanzen, rum hüpfen ... sie steht. Dann, irgendwann, wenn du schon deine Tagesplanung im Geiste neu organisiert hast, kommt ein Strahlen: "Einkaufen gehen, ja, ja, ja."

Manche sage jetzt, das würde dem Kinde nicht gut tun. Dieses Warten, bis es endlich soweit ist. Nun, in diesem Fall tut es allen gut. Denn sich durchzusetzen würde viel mehr Energie auf allen Seiten kosten. Und dann gibt es oft im Laufe eines Tages genug andere Dinge, die nicht diskutierbar sind. Meistens kommt da auch kein Widerstand von Kleinmadame. Warum wohl? Nun, sie bemerkt es wohl am Ton, den Vorbereitungsgesprächen und am Drumherum, dass es jetzt um Terminiertes geht und - aufgepasst! - sie weiß einfach, dass es dafür Situationen gibt, in denen auf sie Rücksicht, siehe oben, genommen wird. Irgendwie ist so immer alles in Balance und ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder für diese Ausgeglichenheit ein sehr feines intuitives Gespür haben.

Verquert

„Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube, die Menschen werden allgemein lieber getreten als ignoriert.“ Dietmar Dath

Aus meiner Arbeit mit Kindern: Viele lernen schon ganz früh, dass negative Aufmerksamkeit  immer noch besser ist, als gar keine. Ein Schlag ist besser, als gar keine Berührung. Und handeln danach, bis es ein festgefahrenes Muster in ihnen ist. Dann werden sie abgestempelt als: Sozial auffällig, hibbelig, frech, anmaßend, ungehorsam, etc. ... Aber dafür gibt es ja dann eine Pille

Stillen im öffentlichen Raum

Ich würde aus „Ich-stille-mein-Baby-im-öffentlichen-Raum“ keine Ideologie machen. Ich würde es mir aber auch nicht verbieten lassen, weil ein Verbot irgendwie beinhaltet, ich würde unangemessen und unflexibel damit umgehen. Meine Erfahrung von Angemessenheit: Manchmal wäre Warten lassen einfach unangemessen. Manchmal brauchen wir einen stillen, äußerst geschützten Ort. Manchmal macht Trubel guten Hunger. Manchmal kann ich nicht alleine sein, weil ich sonst zu unruhig bin. Manchmal, manchmal …  Wegweiser ist eigentlich für Angemessenheit immer „Wie geht es meinem Kind und was braucht es gerade, damit es ihm jetzt gut geht?“ Diese Flexibilität und Verantwortung würde ich mir durch ein Verbot nicht nehmen lassen. Ich kann selbst denken.

„Man schlägt nicht!“

„Nun, es gibt Situationen im Leben, da wäre es schon recht sinnvoll, zum Schutz für Leib und Seele, schnell und kompetent zuschlagen zu können.“

„Mit Gewalt lässt sich kein Konflikt befriedigend lösen.“


Die menschliche Handlungspalette ist riesig und umfasst unzählige Optionen. Dazu gehören auch recht aggressive Handlungsweisen. Nichts davon ist an sich erstmal besser oder schlechter, weil es immer auf den jeweiligen Kontext ankommt.

Lernziel beim Kinde wäre die Erkenntnis: In jeder Situation habe ich die Wahl zwischen mehrere Handlungsmöglichkeiten.

Um damit flexibel und verantwortlich umgehen zu können, muss man diese Handlungsoptionen und ihre jeweiligen Konsequenzen ausprobieren dürfen. Muss den Vor- und Nachteilen nachspüren können. Muss erleben, wie sich das jeweilige Ergebnis anfühlt. Da helfen keine bloßen Erklärungen, das muss man erfahren dürfen.

Wo wäre dies besser möglich als in dem durch achtsame Erwachsene geschützten Rahmen des kindlichen Miteinanders?

Beispiel: Streiten sich zwei Kleine um einen Bagger. Kreischen, zerren, hauen sich drum. Der Bagger liegt währenddessen unbenutzt nebendran. Hinzugehen und zu sagen: „Hört auf euch zu streiten, zu hauen! Das macht man nicht! Das gibt es hier bei uns nicht!“ ist eine nette Herangehensweise. Irgendwann hört aber keiner mehr zu, da es irgendwie nicht so richtig zu einem Ergebnis führt. Zumal dieser von außen und von oben nach unten durchgeführte Eingriff auch schon wieder eine leichte gewalttätige Tendenz hat und kein gutes Beispiel dafür ist, wie man mit Konflikten umgehen könnte.

Sinnvoller wäre es doch, die Situation ganz ruhig und beiden zugewandt zu benennen: „Ihr wollt beide mit dem Bagger spielen. Jetzt streitet ihr euch. Keiner spielt jetzt mit dem Bagger.“

Durch die Frage: „Wie könntet ihr das denn lösen, so dass ihr beide was davon habt?“ kann man dann den Weg frei geben für den Gedanken, dass es überhaupt auch noch andere Lösungen geben könnte. Die wird man vielleicht nicht gleich finden, wird manches ausprobieren, was sich auch nicht richtig gut anfühlt, aber, indem man immer wieder in diesem Muster daran arbeitet, bekommt man Übung und ein Gespür dafür, was wann wie passen könnte. Kinder sind da unheimlich kreativ und lösungsorientiert.  

Provokation

Ihr hüllt eure Kinder in Wattebäuschen, entschärft Märchen bis zur Unkenntlichkeit, schleift den Vampiren die Zähne und erklärt Eisbären zu Kuscheltieren, die dann auch noch süße, kleine Pinguine zu Spielkameraden haben (das geht nicht!). Kinder sollen dies und das und jenes nicht mitbekommen, schon gar nicht die Realität, denn es könnte ihnen ja schaden oder sie gar traumatisieren. Ihr müllt sie ein mit euren Scheinheiligkeiten und monologisiert sie hundert Mal am Tag zu mit all dem „Das darfst du nicht! Das macht man nicht! Hauen darf man nicht! Streiten darf man nicht! Und dies und das und jenes sind verboten! Wir haben uns alle lieb und die Welt ist ein kuscheliges Himmelbett.“

Kinder sind nicht doof. Sie sind nicht blind und taub. Sie bekommen sehr wohl und sehr früh mit, dass die Welt halt so gerade nicht ist, gar nicht so sein kann. Denn da gibt es ein Machtgefälle zwischen ihnen und den Erwachsenen, und zwischen dem Erwachsenen hier und dem dort auch, das sie zwar täglich spüren, aber nicht zu benennen und einzuordnen lernen. Die Welt kann sehr wohl hart, ungerecht, wahnsinnig, kalt, erschütternd und tödlich sein. Auch in der Familie oder im familiären/sozialen Umfeld. Doch sie lernen, dass sie darüber nicht reden dürfen. Und schon gar nicht dürfen sie wütend, stinkig, traurig, zornig, streitend, neugierig, verwirrt, verzweifelt sein. Denn diese Gefühle sind ein großes Bäh, obwohl sie sie doch immer wieder bei den Erwachsenen selbst wahrnehmen. Und irgendwann geht es dann nicht mehr ums „Dürfen“, sondern ums „Können“. Doch sie können gar nicht, weil sie nie durften.

Sie (er)leben von klein auf den totalen Widerspruch. Denn eure Verbote und Belehrungen sind sehr wohl oft aggressiv und erniedrigend und ihr setzt sie durch mit eurer Eltern- und Erwachsenengewalt. Warum glaubt ihr wohl finden junge Jugendliche Ballerspiele und Hardcorefilme so attraktiv? Warum sind Gewalt und Tod so faszinierend? Warum schlagen und hassen sie noch als Erwachsene so völlig ins Blaue hinein? Unter anderem auch deswegen, weil sie einen Teil von dem zeigen, sehen, stellvertretend erleben, in völlig verquaster Art und Weise ausleben wollen, was sie als kleine Kinder nie zeigen und spielerisch in einem geschützten Rahmen ausleben, ausprobieren durften. Sie hatten nie die Chance zu lernen, ihre Gefühle selbst zu regulieren, denn sie durften diese ja gar nicht haben. Sie haben nicht gelernt, dass es zum Beispiel zwischen dem um sich Schlagen und dem stillschweigenden Hinnehmen noch so viele unterschiedliche Facetten des Möglichen gibt, denn sie durften es ja nicht probend üben. Sie haben nicht gelernt, dass man sich gemeinsam gegen Unrecht und Gewalt zur Wehr setzen kann, denn im blaurosa Himmelbettchen ihrer überbehüteten Kindheit brauchte es ja keine Solidarität.

Das ist dir zu platt? Ja. Suchen wir doch gemeinsam nach Beispielen aus dem echten Leben.

Du fühlst dich durch das „Ihr“ überhaupt nicht angesprochen. Fein! Dann machst du es ganz anders. Erzähl es uns und lass uns an deinen Erfahrungen teilhaben.
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*Aus einem Gespräch darüber
Es geht ja nicht um Konfrontation oder aufgezwungener Informationsvermittlung am aktuellen Interesse des Kindes vorbei. Eigentlich geht es um eine grundsätzliche Haltung im gemeinsamen Leben: Gefühle darf man haben. Jedes Gefühl. Dazu gehören auch Traurigkeit, Unsicherheit, Zorn, Verzweiflung, Angst. Es wäre hilfreich, wenn man, auch in Anwesenheit von Kindern, diese Gefühle, wenn man sie denn hat, konkret zu benennen. Das ermutigt das Kind und zeigt, dass diese Gefühle keine verbotenen sind. So ein ganz banales Beispiel: Es gibt so Kinderfilme, da heul ich einfach los, weil sie etwas in mir antriggern. Also heulte ich und erklärte, warum ich es so gemein fand, dass Bambis Mutter erschossen, das Biest so verachtet und die Zwillinge getrennt wurden. Oder ich benannte meine Verzweiflung, wenn ich wieder mal aufgrund von mangelndem Geld einen Wunsch von ihnen nicht erfüllen konnte. Ich entschuldigte mich, wenn ich sie anschimpfte und eigentlich sie gar nicht meinte, sondern den ungerechten Chef auf Arbeit und erklärte meine Gefühle dabei. Und als sie älter waren, dann konnte ich ihnen auch meine Wut zeigen, wenn wieder einmal jemand jemanden "Penner" nannte oder jemand jemanden noch einen Tritt gab, wenn dieser jemand schon am Boden lag oder mir verbieten, dass man auf mich schießt. Ich konnte diese Gefühl zeigen, benennen und erklären, dass ich damit konkrete Bilder verband, die ich aus diesem und jenem Grund nicht gut fand.... .... ... und, und, und .... es gibt so viele kleine Möglichkeiten im Laufe des Tages Kindern gegenüber Gefühlen einen Namen zu geben und vorzuleben, dass man diese sehr wohl haben darf. 

Erziehungsgedöns

„Frau Müller, Sie haben ja zwei Kinder groß gezogen, haben jetzt ein Enkelkind im Haus und öfters in Ihrem Leben mit Kleinkindern gearbeitet. Was waren und sind Ihre pädagogischen Grundsätze?“

„Kinder sind kleine Menschen, denen es an Erfahrungen fehlt. Beim Machen dieser Erfahrungen begleite ich, viele werden durch mich ermöglicht. Ich zeige ihnen, wie ich es mache und schau mir an, wie sie es machen. Davon lernen beide Seiten. Ein wechselseitiger Prozess. Liebe, Respekt, Achtsamkeit sind die Zutaten von meiner Seite. Trotzdem gibt es ein Machtgefälle, das zu leugnen, wäre eine Lüge: Ich bin erwachsen, sie sind Kinder. Das verwische ich nicht, sondern benenne es in den jeweiligen Situationen konkret. Meint, es gibt Situationen, in denen bestimme ich. Ohne Wenn und Aber. Dafür gibt es Regeln. Die werden erklärt und gemeinsam immer wieder überprüft. Es sind nicht viele und sie verändern sich im Laufe der Entwicklung des Kindes. Beispiel: Überqueren der Straße an der Hand, in meinem Beisein, alleine. Das Belohnung-Strafe-System als Erziehungsmittel lehne ich ab. Ich freue mich mit dem Kind, wenn es etwas geschafft hat; ich ermutige es, es wieder zu versuchen, wenn es noch nicht klappt; ich erkläre Konsequenzen für Regelbruch (wie gesagt, es gibt eine überschaubare Anzahl von Regeln) und halte diese konsequent ein. Wenn ich Fehler mache, dann rede ich drüber und entschuldige mich. Und, und … ach, wir wollen hier doch kein Buch schreiben. Das Wichtigste ist: Kinder lernen durch Vorbild. Also liegt es an mir und an meiner Arbeit an und mit mir, was da gelehrt und gelernt wird.“

„Ein Beispiel vielleicht noch über eine Regel, die nicht zu den pragmatischen gehört wie das ÜberdieStraßegehen?“

„Na ja, wichtig war mir bei meinen Kindern: Wir lügen uns nicht an. Nicht weil Lügen an sich schlecht sei, sondern, weil es Vertrauen bricht und die Intelligenz des Gegenübers beleidigt. Zu lernen gilt: Es gibt nichts, aber auch gar nichts, über das man nicht reden könnte. Hartes Brot, auch für die Erwachsenen. Wir lügen und schummeln im Laufe des Alltags mehr, als ich je vermutet hätte. Und da wir Vorbilder sind, heißt das immer wieder reflektieren, dazu stehen, laut benennen, lernen es anders zu machen.“

„So wie Sie das formulieren, erscheint Erziehung als harte Arbeit, Frau Müller.“

„Nennen wir es nicht Erziehung, sondern das zusammen Leben mit heranwachsenden Menschen. „Erziehung“ hat für mich immer den Geschmack von oben nach unten. Das widerspricht aber meinen Erfahrungen. Es ist ein beidseitiges Geben und Nehmen und gemeinsames Lernen und Wachsen. Und ja, es ist arbeitsintensiv. Auf der Erwachsenenseite vor allem Arbeit an sich selbst. Läuft irgendwas schief mit und bei dem Kind, dann muss ich zuerst bei mir gucken. Das Kind spiegelt mich und meine Art des Umgangs mit mir und ihm. Bleibe ich in kritischen Situationen bei mir, erledigen sich die meisten starren Erziehungskonzepte ganz von selbst. Eine sehr bereichernde Arbeit, ja. Ach, und vielleicht noch das: Perfektion gibt es nicht. Alles ist im Fluss, Fehler sind Lehrmeister und liebevoller Umgang mit sich selbst und anderen ist das Schmieröl für lebendige und freudvolle Beziehungen, auch mit den Kindern. Das lehren sie uns nämlich und sind voller Verständnis für den Mist, den wir da ab und an bauen.“

Du lehrst mich jeden Tag aufs Neue:
Perfektion gibt es nicht
Alles ist im Fluss
Meine Fehler sind unsere Lehrmeister
Der liebevolle Umgang mit sich selbst
und anderen ist das Schmieröl
für lebendige, bereichernde Beziehungen
Auch und gerade mit euch Kindern
Danke!


Regeln für die Regeln


So wenige wie möglich, so viele wie notwendig

Alle! Beteiligte müssen den Sinn einer Regel verstehen und nachvollziehen können.

Am besten stellt man die Regeln gemeinsam auf.

Die Regeln gelten für alle Beteiligten, es sei denn, die Ausnahmen wurden benannt, verstanden und akzeptiert.

Regeln leben auch durch Vorbild.

Die Konsequenzen für Regelbrüche sind offen, klar und gemeinsam beschlossen.

Regeln unterliegen keiner Willkür. Sie gelten nicht heute so und morgen so. Solange sie vereinbart sind, gelten sie.

Jeder hat jedoch jederzeit das Recht, eine Regel in Frage zu stellen. Dann wird gemeinsam ein neuer Konsens/eine neue Regel hergestellt.

Ein Regelbruch ist keine Infragestellung der Regel. Das sind zwei ganz unterschiedliche Ebenen.

Regeln sind kein Selbstzweck. Trotzdem geben sie, wie Rituale, Sicherheit, Struktur und schaffen Gemeinschaft. Wenn sie denn gemeinsam verstanden, erstellt und akzeptiert wurden.

Offene und ehrliche Kommunikation ist die Basis jedweder Regelei.

Regeln sind kein Machtinstrument. Werden sie als solches missbraucht, dann sind es keine Regeln mehr, sondern einseitig erlassene Vorschriften.

Regeln kann man brechen. Die Konsequenzen nimmt man eigenverantwortlich gelassen in Kauf.

Ich weiß schon, warum ich eine Anhängerin der SoWenigWieMöglich Fraktion war und bin.