Ich wünsche allen Kindern einen friedlichen Tag und Abend
und ebensolche Erwachsene um sich drum herum. Lasst euch die Geschichte von dem
Baby erzählen, das geliebt auf die Welt kam und über dessen Geburt sich so
viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Herkünften mächtig freuten. Fühlt
euch heute und an allen anderen Tagen des Jahres ebenso willkommen, umsorgt,
beschützt und geliebt. Das wünsche ich euch.
Schlafen
Ich weiß aus den Krabbelstuben, dass es Eltern gibt, die
morgens regelmäßig ansagten, dass die Kleinen vom Mittagsschlaf abhalten werden
sollten, damit sie am Abend rechtzeitig einschlafen würden. Manche
Erzieher*innen gehen darauf ein, da sie keinen Stress mit diesen Eltern wollen
und kämpfen dann nach dem Mittagessen einen elendigen Kampf mit den Kleinen. Es
waren, Überraschung!, übrigens die gleichen Eltern, die dann später in Elterngesprächen
im Kindergarten darüber klagten, dass ihre Kinder einen völlig verquerten Schlafrhythmus
entwickeln würden. Und ich nehme an, dass das auch die Eltern sind, die später schneller
in die Ritalinfalle tappen werden.
Meine Erfahrung ist, dass jedes Kind seinen ganz und gar
eigenen Weg findet eine ihm angemessene Balance zwischen Wachen und Schlafen zu
finden. Wenn man ihm einfach Raum und Zeit dafür gibt. Das bedeutet nicht, dass
es ab einem bestimmten Alter keine festen ZuBettGehZeiten mit abgesprochenen
und verbindlichen Ritualen und Regeln geben wird. Ich würde jedoch nie zu einem
Menschen, egal ob groß oder klein, sagen, dass er jetzt schlafen müsse. Ihr
erinnert euch: Druck erzeugt Gegendruck und die Aufforderung jetzt nicht an
einen blauen Delphin zu denken ist kaum lösbar. Es gibt so viele wunderbare
Möglichkeiten um in Ruhe zu kommen. Lasst eurer Fantasie freien Lauf und
probiert gemeinsam aus, was passt.
Selbstverteidigung
Da schickt man Kinder in Selbstverteidigungskurse und
übersieht manchmal, dass die Grundlage für alle Selbstverteidigung in dem
Begriff des "Selbst" liegt: Selbstachtung, Selbstwert,
Selbstwirksamkeit. Das erste Nein des kleinen Kindes, das akzeptiert und b(g)eachtet
wird, ist der Grundstein für all diese Selbst. Ohne das funktioniert es einfach
nicht.
Die Verteidigung des eigenen Selbst ist unverbrüchlich
verbunden mit der Kenntnis über die eigenen Grenzen. Dies geht weit über die rein
körperlichen Grenzsetzungen hinaus. Körperliche und seelische Gewalt sind
Grenzüberschreitungen. Damit der Mensch diese erkennt und abwehren kann, muss
er von klein auf die Möglichkeiten haben, sich seinem Selbst bewusst zu werden.
Erst nachdem ich lernen und ausprobieren durfte, wer ich bin und wo meine
Grenzen sind und wo ich eine Überschreitung derselben nicht dulden will, kann
ich mir Strategien und Methoden aneignen, diese Grenzen zu kommunizieren, zu
schützen und zu verteidigen. Ein lebenslanger Weg, der jedoch quasi mit der Geburt
beginnt. Gerade in den ersten Lebensjahren werden die Grundlagen für all die möglichen
Abzweigungen und Verirrungen auf diesem Weg gelegt. Dies gilt es im Umgang und
in der Begleitung von kleinen Kindern immer im Auge zu behalten.
Was du nicht willst...
Immer mal wieder werde ich gefragt, nach welchem pädagogischen Konzept ich denn meine Kinder erzogen hätte bzw. nach welchem ich denn mit Kindern arbeite. Wisst Ihr, so einfach ist das nicht oder besser, es ist viel einfacher. Es geht letztendlich um ein ganz bestimmtes Menschenbild, das man in sich trägt, vorlebt und damit auch weiter gibt. Alles andere ist nur Staffage. Und geholfen, so wirklich geholfen in vielen brenzligen„Erziehungs“Situationen hat mir immer diese eine Frage: Wie würde es mir gehen, wenn sich jemand in dieser Situation so oder so mir gegenüber verhalten würde? Damit war die Grundlinie eigentlich sofort gefunden und es gab wenige Verirrungen.
Diese Frage ist übrigens auch ein sehr hilfreicher Führer durch all die Erziehungsratgeber und all die Tipps von ach so schlauen Besserwissern, die immer mit Argusaugen um einen zu kreisen scheinen.
Selbstregulierung
War es die letzten Monate so, dass KleinMadame (21 Monate
alt) bei einem „Nein“ völlig empört reagierte und durchdrehendes Drama schob
mit Geschrei und Geheule, so ist es seit einigen Tagen anders: Sie zieht eine
Schnute, stampft erhobenen Hauptes in ihr Zimmer, schimpft dort wie ein Rohrspatz
und erzählt ihren Pferden, welche bösen Monster ihre Erwachsenen jeweils gerade
seien. Nach einer Weile kommt sie dann frohgelaunt wieder zurück, so als wäre
gar nichts passiert. Sie hat für sich einen Weg gefunden, wie sie aktuell ihre überbordenden
Gefühle selbst regulieren kann.
Ich habe diesen Entwicklungsschritt auf diese oder ähnliche
Art und Weise im Laufe meines Lebens mit Kindern schon sehr oft erlebt und bin
der festen Überzeugung, dass dies nur geschehen kann, wenn die Phasen vorher
ohne Wertung und großes erzieherisches Tamtam zugelassen und liebevoll begleitet
wurden.
Wir haben uns, im Beispiel von KleinMadame, schlichtweg
nicht durch ihre dramatischen Auftritte aus der Ruhe bringen lassen, sondern
haben ihr durch leise zugewandte Worte immer mitgeteilt, dass wir ihre Wut
durchaus verstehen können und wenn sie keinen anderen Weg wüsste, damit
umzugehen, dann solle sie halt schreien und toben. Sie war nie alleine mit
ihren Gefühlswallungen, die vor allem für sie selbst sehr verwirrend und äußerst
anstrengend waren. Und sie konnte jederzeit in die Arme oder auf den Schoss
kommen um getröstet zu werden. Wir versuchten bei den Trotzanfällen eine ruhige
und warme Atmosphäre zu schaffen und gleichbleibend zu signalisieren: Ich bin
da für dich. Die „Neins“ allerdings, die es ja nur sehr selten und bedacht bei
uns gibt, haben wir nie zurück genommen.
In solchen Situationen oder Phasen, die fast alle Kinder in
diesem Alter durchlaufen, sind nach meinen Erfahrungen zwei Verhaltensweisen
der Erwachsenen besonders kontraproduktiv: Laut schimpfen und/oder sich durch
das Schreien und Toben des Kindes dazu hinreißen zu lassen, ein Verbot, ein
Nein in dieser konkreten Situation zurückzunehmen.
Mit ersterem erzeugt man einen Druck, der das Kind und einen
selbst immer weiter in den Kreis einer ausweglosen Situation hinein schleudert.
Es entsteht ein Kampfszenario, das dann nach einer Weile gar nichts mehr mit
seinem ursprünglichen Inhalt zu tun hat. Gleichzeitig signalisiert man damit
dem Kind, dass man, obwohl man doch sooo groß ist, sein Elend und die
Hilflosigkeit durch die aufkommenden Gefühlswallungen nicht verstehe und ihm auch
nicht helfen und es nicht schützen könne, da man ja anscheinend selbst in den
eigenen Gefühlen der Wut verheddert ist. Das macht noch mehr Wut, oder besser,
es macht dem Kind Angst. Angst vor seinen überbordenden Gefühlen und Angst vor
dem zürnenden Erwachsenen, der seine Gefühle anscheinend auch nicht im Griff
hat. Aus diesem Gefühlsmischmasch kommt es alleine nicht mehr raus. Und der Erwachsene
oft auch nur auf Umwegen. Meistens enden solche Szenarien in einem reinen
Machtgebrauch des stärkeren Erwachsenen. Die Folgen kennen wir.
Im zweiten Fall gilt: Gibt man dem unregulierten Toben nach,
dann lernt das Kind, dass dies wohl eine angemessene Form sei um seine
Vorstellungen durchsetzen zu können. Es muss, vor allem wenn beide
Verhaltensweisen der Erwachsenen immer wieder zusammen fallen (erst schimpfen
und dann nachgeben in der Sache, weil der Erwachsene eben oft nicht weiß, wie
er sonst wieder aus dem Geschehen heil raus kommt), zu der Erkenntnis gelangen,
dass es nur lauter und länger Schreien müsse und es bekäme, was es zu wollen
meine.
Mit dem Lernen einer selbstständig autonomen Affektregulierung
allerdings hat das alles nix zu tun. Auf einer sehr unbewussten Ebene weiß oder
spürt das auch das Kind. Ich habe nie erlebt, dass ein Kind, nachdem es durch
Schreien und Toben seinen Willen bekam, wirklich entspannt zufrieden war. Da blieb
eine wachsende innere Unruhe und Verwirrung zu spüren. Wie sollte es denn auch
zufrieden sein können, wenn sein Erwachsener, der es doch schützen, behüten, dem
es doch total vertrauen können muss, wenn sich dieser Erwachsene von seinen, das
Kind doch selbst schrecklich beängstigenden, Gefühlsausbrüchen so lenken lassen
ließ? Das verunsichert und macht Angst, ganz furchtbare Angst.
Wie immer gilt: Kinder lernen durch Vorbilder. Indem wir
selbst ruhig und gelassen durch die Stürme des Tobens und Aufbegehrens der kleinkindlichen
Emotionen bei den ersten Neins gehen, es weiter durchgängig liebevoll
behandeln, nicht abweichen von dem von uns als richtig und notwendig empfunden „Nein“
in der konkreten Situation, zeigen wir ihm einen Weg aus seinen emotionalen
Nöten: Gefühle können Angst machen, aber sie sind okay. Ich darf sie haben und
es ändert sich dadurch nichts an der Liebe und Zuwendung meiner Erwachsenen für
mich. Ich kann mich auf sie verlassen. Auch auf ihre Neins. Ich kann meine
Gefühle auch auf andere Art und Weise ausdrücken. Ich darf das ausprobieren.
Wenn das oft genug durchgespielt wurde, oft genug erlebt werden
durfte, erst dann ist, meiner Meinung nach, der Weg frei für eigene Versuche
des Kindes seine Affekte selbst zu regulieren. Und die Kleinen sind darin dann
erstaunlich kreativ, denn auch sie haben überhaupt keine Lust auf all die
Anstrengungen, die entstehen, wenn sie immer wieder von unkontrollierten Gefühlen
überrollt werden. Ich vertraue ihnen da total.
*Anmerkung
Wenn diese Phasen überwunden sind, meistens enden sie mit
der sicheren Beherrschung der Sprache, dann gilt es zu lernen, auf beiden
Seiten, dass man über „Neins“ sehr wohl auch diskutieren und sie hinterfragen
kann. Ein ganz neuer, spannender Spaß dann *kicher
Spiegel
Kinder sind Seismographen für unsere "Schatten"
und sie spiegeln uns perfekt, wo es bei uns hakt und knirscht. Ich habe das
immer als etwas Positives empfunden, weil es mich aufforderte da hinzugucken
bei mir, wo ich von selbst nicht gerne hingeguckt hätte. Ich erinnere mich,
dass besonders meine kleine Tochter damals höchst emphatisch auf meine inneren
Zustände reagierte und ich ab und an zum Elterngespräch im Kinderladen gerufen
wurde und gegen meine Erwartungen nicht nach dem IstZustand der kleinen Dame,
sondern nach dem meinem gefragt wurde. Und siehe da, ja, der kleine Spiegel
funktionierte immer. Bequem ist was anderes, lehrreich und bereichernd war es
immer.
Verzicht?
Es ist nicht die Aufgabe eines Kindes, dich glücklich und
zufrieden zu machen, deine Erwartungen zu erfüllen, vor Dankbarkeit für deine
Fürsorge und liebevolle Zuwendung durchs Leben zu kriechen oder deine ungelebten
Träume zu erfüllen. Ein Kind ist auch kein Partnerersatz und es ist auch nicht
verantwortlich für dein Seelenheil. Es ist kein Lückenfüller für deine inneren
Leerstellen und es trägt auch keine Schuld für irgendwas in deinem Leben.
Kinder haben keine Aufgaben und keinen Auftrag wenn sie auf
die Welt kommen.
Was du für dein Kind tust, tust du, weil du dich dafür
entschieden hast. Du tust es für dich. Deine Entscheidung, deine Verantwortung.
Also hör auf, ihm dauernd Rechnungen zu stellen und von Ausgleich und Schulden
zu sprechen.
„Aber ich habe doch für das Kind auf so vieles in meinem
Leben verzichtet!“
Du hast nicht verzichtet, sondern du hast Entscheidungen
getroffen. Dein Kind hat keine Forderungen an dich gestellt, sondern du hast
dich dafür entschieden, dein Leben so umzustrukturieren, dass es für dich einfacher,
bequemer, machbarer ist so und so, nach deinen Vorstellungen, mit dem Kind zu
leben. Du hättest dich auch ganz anders entscheiden können. Jede Mal. Es waren
und sind deine Entscheidungen, nicht die des Kindes. Also verteile nicht
Schuld, wo es doch gar nichts zu verteilen gibt.
Auch wenn es da ein Kind an deiner Seite gibt, so ändert
dies nichts an deiner alleinigen Verantwortung für dein Glück, deine
Zufriedenheit, für die Befriedigung deiner Bedürfnisse, für die Gestaltung
deines Alltages und für dein Leben.
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